Nina Lakhani in einem Artikel in The Independent

Das letzte Wort über gesundheitliche Risiken der Mobilfunkstrahlung ist noch längst nicht gesprochen. Dem Strahlenschutz der Bevölkerung wird von den meisten Regierungen Europas und drüber hinaus bis zum heutigen Tag nicht die Bedeutung beigemessen, die ihm entsprechend dem Stand der wissenschaftlichen Forschung zukommt. Es wird ganz offensichtlich ignoriert, dass die Zahl der Wissenschaftler, die die Hochfrequenzstrahlung als potenzielles Risiko für die Gesundheit der Menschen betrachten, im Verlauf der Jahre stetig zugenommen hat. Kritiker der Hochfrequenztechnologie und ihre Befürworter, die von der Unbedenklichkeit der Strahlung ausgehen, halten sich inzwischen die Waage.


Das letzte Wort über gesundheitliche Risiken der Mobilfunkstrahlung ist noch längst nicht gesprochen.
Von Prof. Franz Adlkofer / Pandora-Stiftung für unabhängige Forschung.

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Die Gründe für diese Entwicklung und die Konsequenzen daraus hat die Journalistin Nina Lakhani kürzlich in einem Artikel im The Independent, einer britischen Tageszeitung mit internationaler Bedeutung, zusammengefasst: Es wird eng: Warum ein abschließendes Urteil über Handys noch aussteht. Hängt die Zunahme von Hirntumoren mit den Strahlungsquellen zusammen, die wir so nah an unsere Köpfe halten? Fachleute sind sich uneins. The Independent, 24. April 2012 >>>

Kommentar

Nina Lakhanis Artikel im The Independent, der hinsichtlich der Objektivität der Darstellung dem Namen der Zeitung The Independent (Die Unabhängige) alle Ehre macht, weicht von der Verharmlosungsrhetorik im Zusammenhang mit der Mobilfunkstrahlung, wie sie in zahlreichen von Industrie und Politik gesteuerten Presseorganen insbesondere in Deutschland üblich ist, entschieden ab. In deutschen Zeitungen, darunter vor allem in solchen, die sich besonders elitär gebärden, geben willfährige Journalisten – ohne sich die Mühe einer eigenen Recherche zu machen – gelegentlich sogar wörtlich wieder, was ihnen von den wissenschaftlichen „Experten“ im Dienste der Mobilfunkindustrie erzählt wird. Der Bevölkerung wird damit eine Sicherheit der Mobilfunktechnologie vorgetäuscht, die aufgrund des Standes der wissenschaftlichen Forschung nicht gegeben ist. Lakhani begründet in ihrem Artikel, den sie anlässlich einer Konferenz in London über Krebs bei Kindern verfasst hat, warum das letzte Wort über gesundheitliche Risiken der Mobilfunkstrahlung längst nicht gesprochen ist. Sie verweist dabei nicht nur auf die Forschungsergebnisse unabhängiger Wissenschaftler, sondern vor allem auch auf die vielfältigen versteckten Warnhinweise der Mobilfunkindustrie selbst. Besonderes Gewicht misst sie der Tatsache bei, dass inzwischen an die 50 % aller Wissenschaftler in diesem Forschungsbereich die Mobilfunkstrahlung als potenzielles Gesundheitsrisiko ansehen.

Bei weltweit fünf Milliarden Menschen, die gegenwärtig das Mobiltelefon, die stärkste aller Strahlenquellen, nutzen, trifft zu, dass zur Zeit das größte biophysikalische Experiment der Menschheitsgeschichte abläuft – dies mit durchaus ungewissem Ausgang. Lakhani weist darauf hin, dass die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO (IARC) vor einem Jahr die Mobilfunkstrahlung – einem Votum von 29 eingeladenen Wissenschaftlern folgend – als „möglicherweise karzinogen“ eingestuft hat. Diese Entscheidung beruhte vor allem auf den Ergebnissen epidemiologischer Studien. Ergebnisse der Grundlagenforschung, die strahlenbedingte Genschäden in isolierten menschlichen Zellen belegen, wurden nicht berücksichtigt. Die Einordnung in die nächst höhere Kategorie „wahrscheinlich karzinogen“ wäre dann unvermeidbar gewesen – und Konsequenzen für den Strahlenschutz der Bevölkerung von Seiten der Politik ebenfalls. Dass die vorhandenen Labordaten eine solche Einordnung bereits damals gerechtfertigt hätten, wird – wie von Lakhani berichtet – inzwischen auch von Prof. Dariusz Leszczynski von der Radiation and Safety Authority in Finnland, einem Mitglied der damaligen IARCArbeitsgruppe, eingeräumt. Folgerichtig fordert er – wie viele andere Wissenschaftler auch – staatliche Vorsorgemaßnahmen insbesondere zum Schutze der Kinder.
In Deutschland verteidigt die Bundesregierung ihre zweifelhafte Strahlenschutzpolitik mit den Ergebnissen des von ihr und der Mobilfunkindustrie gemeinsam finanzierten Mobilfunk‐Forschungsprogramms (DMF), die angeblich belegen, dass die Bevölkerung durch die bestehenden Grenzwerte vor gesundheitlichen Risiken der Mobilfunkstrahlung zuverlässig geschützt ist. Die Einsicht, dass es sich beim DMF in wesentlichen Teilen um Pseudoforschung handelte und dass die geltenden Grenzwerte vom Ansatz her den Gesetzen der Biologie widersprechen, wird ihr von so genannten „Experten“ verwehrt, die sie sich – offensichtlich ebenfalls mit Hilfe der Mobilfunkindustrie – als Berater ausgesucht hat. Das auffälligste Merkmal dieser „Experten“ ist, dass wissenschaftlicher Sachverstand durch den festen Glauben an die Harmlosigkeit der Mobilfunkstrahlung und die Bereitschaft, diesen Glauben mit allen Mitteln zu verteidigen, ersetzt wird. Bei dieser Voraussetzung sollte es nicht verwundern, wenn die Bundesregierung eines Tages den Angehörigen derer, die als langjährige Nutzer des Mobiltelefons an den Folgen eines Hirntumors starben, ihr „aufrichtiges und tiefes Mitgefühl“ aussprechen muss. Dafür hätte sie dann auch allen Grund. Allzu lange vertraute sie Beratern, denen die Interessen der Mobilfunkindustrie nachweisbar näherstehen als das Wohlergehen der Menschen.

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