Über den Umgang der Mobilfunkindustrie mit der Wissenschaft am Beispiel der NTP-Studie

(…) Die ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection) fordert die perfekte Studie. Die Tatsache, dass es eine solche Studie aus Gründen, die in der Natur der biologischen Forschung liegen, gar nicht geben kann, ist ihren Mitgliedern offen­sicht­lich nicht zu vermitteln. Damit belegen sie entweder die eigene Inkompetenz, was ihre Qualifikation als Wissenschaftler angeht, oder, was viel wahrscheinlicher ist, ihre Absicht, der Mobilfunkindustrie aus einer Verlegenheit zu helfen.

Das Säen von Zweifel ist das Geschäft der ICNIRP

Aus der NTP-Studie ergibt sich, dass die von der ICNIRP vorgegeben Grenzwerte nicht in der Lage sind, den ihnen zugedachten Zweck, nämlich den Schutz der Bevölkerung vor den Wirkungen der Mobilfunkstrahlung zu gewährleisten, und dass deshalb für die IARC wohl die Zeit gekommen sein dürfte, die Klassifizierung der Hochfrequenzstrahlung von „möglicherweise karzinogen für Menschen“ (2B) mit „wahrscheinlich karzinogen für Menschen“ (2A) der Realität anzupassen. Um diese Erkenntnisse, die das gegenwärtige Geschäftsmodell der Mobilfunkindustrie bedrohen, als zweifelhaft erscheinen zu lassen, ist die ICNIRP offensichtlich zu jedem Verrat an der Wissenschaft bereit. Wenn es dafür noch eines Beweises (clear evidence) bedurft hätte, dass es sich bei ihr um eine PR-Organisation der Mobilfunkindustrie handelt, mit ihrem Bericht „ICNIRP Note on recent animal carcinogenesis studies“ vom 4. September 2018 hat sie ihn endgültig erbracht (2).

In diesem Bericht behauptet die ICNIRP, dass die NTP-Studie keine verlässliche Grundlage für die Revision der bestehenden Expositionsrichtlinien gegenüber der Hochfrequenzstrahlung darstellt. Da sie grundsätzlich davon ausgeht, dass bei den Richtlinien nur die akuten thermischen Wirkungen der Hochfrequenzstrahlung berücksichtigt werden müssen, weil es andere Wirkungen gar nicht gibt, ist diese Aussage zunächst nicht ohne Logik. Unhaltbar wird diese jedoch, weil zutrifft, dass die Hochfrequenzstrahlung ihre schädliche Wirkung auch bei Einhaltung der Grenzwerte entfaltet, dies allerdings nur dann, wenn die Exposition lang genug dauert. Dafür hat die NTP-Studie, übrigens nur als eine von vielen, wenn auch als die bisher aufwendigste und wohl auch überzeugendste, den Beweis (clear evidence) erbracht (3, 5). Gleichzeitig hat sie damit die Zuverlässigkeit der geltenden Grenzwerte widerlegt. Wie immer in solchen Fällen, lautet die geradezu roboterhafte Antwort der ICNRP, dass noch zu viele Fragen offen sind, bevor die Kausalität des Zusammenhangs anerkannt werden kann.

Die ICNIRP fordert die perfekte Studie. Die Tatsache, dass es eine solche Studie aus Gründen, die in der Natur der biologischen Forschung liegen, gar nicht geben kann, ist ihren Mitgliedern offen­sicht­lich nicht zu vermitteln. Damit belegen sie entweder die eigene Inkompetenz, was ihre Qualifikation als Wissenschaftler angeht, oder, was viel wahrscheinlicher ist, ihre Absicht, der Mobilfunkindustrie aus einer Notlage zu helfen. Wie es aussieht, wird die ICNIRP von der Mobilfunkindustrie wieder einmal zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzt, diesmal mit einer Methode, die sie von der Zigaretten­industrie übernommen hat. Der Zigarettenindustrie ist es mit dem Säen von Zweifel gelungen, die Menschheit über Jahrzehnte hinweg um die längst gesicherte Erkenntnis zu bringen, dass Rauchen die Ursache für Lungenkrebs ist. Die Mobilfunkindustrie verfolgt bei einer durchaus vergleichbaren Sachlage dieselbe Taktik, dies sogar unter noch besseren Voraussetzungen: Die Abhängigkeit der Menschen von den Produkten der Zigarettenindustrie und Mobilfunkindustrie mag vergleichbar sein, doch die Anzahl der Abhängigen von den Produkten der Mobilfunkindustrie ist ungleich größer.


Über den Umgang der Mobilfunkindustrie
mit der Wissenschaft am Beispiel der NTP-Studie
Von Franz Adlkofer / Pandora-Stiftung für unabhängige Forschung
Erweiterte Version vom 05.10.2018